Über das Weinen
Mit Laura Eggers habe ich über Hoffnung in herausfordernden Zeiten gesprochen - und wir landeten immer wieder beim individuellen und kollektiven Trauern (hier kannst du unser Gespräch als Podcast anhören).
Dann war ich in Nordjütland, an der Jammerbucht.¹ Das ist ein 100 Kilometer langer Küstenabschnitt an der dänischen Nordsee.
Dort habe ich viel über Weinen nachgedacht (was gut zum Namen der Gegend passt).
Einmal habe ich Weinen als Gegenstück zum Lachen erforscht, also als natürlichen Ausdruck der Bandbreite menschlicher Gefühle (in meinem eigenen Leben und in meiner Arbeit).
Und mich dann immer wieder gefragt, warum Weinen - im Gegensatz zum Lachen - so wenig gesellschaftsfähig ist.
Daraus ist dieser Text² entstanden:
Nordjütland, August 2026
—
Über das Weinen
Orte, an denen ich zuletzt geweint habe:
Auf dem Waldweg, auf einem Felsen, im Regionalexpress,
im Schlaf, auf dem ALDI Parkplatz, am Aussichtspunkt,
auf dem Sofa, auf der Autobahn,
auf der Yogamatte, auf dem Kissen,
auf einem Tisch liegend
in die Sterne schauend.
—
Mit wem ich zuletzt geweint habe:
Mit Erwachsenen, mit einem Kind,
mit meiner inneren weisen Großmutter,³
mit einem Lied, mit meinen Ahnen, mit einem Naturgeist;
mit dem Regen, dem Mond, dem Sturm, dem Ozean,
einem Buch, einer Rolle Klopapier, einer Sternschnuppe.
—
Anlässe, zu denen ich zuletzt geweint habe:
Aus Freude, aus Zorn, aus Sorge, aus Trauer,
aus Schmerz, aus Erleichterung.
Weil etwas gut roch. Weil die Sonne so herrlich
durch die Baumkronen glitzerte.
Weil Kometenstaub die Atmosphäre trifft und
verglüht.
Weil schon so viele Menschen, die ich liebe, tot sind
und es nie mehr weniger sein werden als
heute.
Weil ich keine Ahnung habe,
was ich mit meinem einen, wilden, kostbaren Leben⁴ anfangen soll.
Weil ich sehr wohl eine Ahnung habe,
was ich mit meinem einen, wilden, kostbaren Leben anfangen soll
(and it scares the shit out of me).
—
Was ich vermisse, wenn ich mehrere Tage nicht geweint habe:
Klarheit, Leichtigkeit, Verbundenheit;
das Gefühl, dass die Grenze zwischen mir und der Welt
verschwimmt.
Was ich nicht vermisse, wenn ich mehrere Tage nicht geweint habe:
Brennende Augen, Spuren auf dem Make-up, Tränen, die entgegen der Schwerkraft in die Ohren laufen (unerklärlich).
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Was ich mir vornehme, um noch mehr zu weinen:
Die Momente nicht zu verpassen,
die mich berühren.
Mindestens eine
klitzekleine
Träne am Tag
weinen.
(Jede Träne wird herzlich begrüßt.)
Und nicht zu vergessen:
Alles, was ich heute liebe,
werde ich eines Tages
verlieren.
—
Fragen, die ich mir über das Weinen stelle:
Kann man den Geschmack einer Träne unterscheiden von einem Tiefseetropfen?⁵
Wie viele Tränen auf dieser Welt wollten geweint werden, aber wurden es nicht (in Kubikmetern, ca.)?
Wie kommt es, dass manche Menschen jederzeit mühelos und unverstellt weinen können, wenn sie etwas betrübt oder berührt - und andere nicht?
Welche schönen Begriffe gibt es für Weinen in anderen Sprachen (z.B. weep, sob, bawl, wail, snivel,… im Englischen)?
Wenn Tränen sich ankündigen aber nicht fließen können, baut der Körper sie dann wieder ab? Oder warten sie in den Tränenkanälen so lange, bis sie endlich geweint werden können? Wie lange?
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Wo und wie ich gerne mal weinen möchte (Tränen-Bucket-List):
Kopfüber! Unter Wasser! Rückwärts gehend!
Vielleicht auf einem SUP treibend, in die Sonne blickend.
Oder beim Singen.
Auf einem sehr hohen Berg.
In einer dunklen Höhle.
Mit hunderten Menschen gleichzeitig.
Und mit all meinen Freunden mindestens einmal.
1 Die Jammerbucht heißt so, weil es dort historisch sehr viele Schiffsstrandungen und Unglücke gab - zum Jammern!
2 Ich nenne es “Text”, weil es mir schwer fällt, “es” zu definieren. Es hat autobiografische Anteile, verarbeitet gleichzeitig Erfahrungen, die ich stellvertretend durch meine Arbeit mache. Es ist keine Lyrik und auch keine Prosa und es sind Wort und Bild gleichermaßen. Kathrin Bach nannte es treffend: Eine Liste.
3 Aus “Be Gentle” von Rachael Holstead
4 Aus “Der Sommertag” von Mary Oliver
5 Ricardas sagt “ja” und zitiert Quarks
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Alle Worte, Satzzeichen (und Fehler) sind meine eigenen, für diesen Text wurde keine KI genutzt.
Inspiriert von Britchida
Weinen - zum Weiterhören & Weiterlesen
Oh, I can feel what I hated in dreams
Help me not hate myself, help me love other people
Oh, I'll wear the beads, I'll read
Kyrie Eleison
You can cry
Drinking your eyes
I don't miss the sadness when it's gone
And the feeling of it makes me smile
As I let the river run wild
You can cry,
To where the ocean is bigger
Become a part of the river
You can cry
Can you let the river run wild?
🎶 Paris Paloma: Cry in Front of Paintings
You have a way with words,
you say the same of me
Is there a universe in which we didn't meet?
And if I loved you less,
then I could talk about it more
Orpheus's turning head before he's finished the long walk
And I do not believe that he was fated to at all
I cry in front of paintings now,
but not the ones I thought
📖 Francis Weller: The Wild Edge of Sorrow (Empfehlung von Laura)
„No one escapes suffering in this life. None of us is exempt from loss, pain, illness, and death. How is it that we have so little understanding of these essential experiences? How is it that we have attempted to keep grief separated from our lives and only begrudgingly acknowledge its presence at the most obvious of times, such as a funeral? […]
It is the accumulated losses of a lifetime that slowly weigh us down—the times of rejection, the moments of isolation when we felt cut off from the sustaining touch of comfort and love. It is an ache that resides in the heart, the faint echo calling us back to the times of loss. We are called back, not so much to make things right, but to acknowledge what happened to us. Grief asks that we honor the loss and, in so doing, deepen our capacity for compassion.“
📖 Jonty Howley: Männer weinen (ab 3 Jahren)
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