Inklusive Achtsamkeit: Zugänglichkeit für alle

Bildbeschreibung: Mechthild sitzt im Rollstuhl in einem Yogastudio, hinter ihr eine Steinmauer und Yogamatten, und macht eine seitliche Dehnung vor.

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Man muss nicht im Schneidersitz sitzen, um zu meditieren. Man kann auch auf dem Sofa sitzen, mit Kissen im Rücken und einer Decke - das ist auch Meditation.

Ich spreche mit Mechthild Kreuser darüber, wie inklusive Achtsamkeit aussehen kann, über Schmerz, Ableismus, Burnout und das Tanzen.


Bildbeschreibung: Mechthild sitzt auf ihrem Rollstuhl auf einem Kiesweg und lächelt in die Kamera.

Über Mechthild Kreuser

Mechthild Kreuser ist MBSR-Trainerin, Yogalehrerin und Sozialpsychologin (M.Sc.). Sie ist Gründerin von Inklusive Achtsamkeit in Köln. Seit über 15 Jahren praktiziert sie regelmäßig Meditation. Mechthild teilt über Instagram und in ihrem Podcast regelmäßig Inhalte zu den Themen Achtsamkeit, Yoga, Inklusion und Aktivismus.

Bildrechte: Susanne Fern


Mechthild, wie hast du Achtsamkeit und Yoga für dich entdeckt?

Im Studium in den Niederlanden habe ich mich im Sportzentrum umgeschaut und irgendwann Yoga ausprobiert. Der erste Kurs war Fitnesscenter-Yoga - buchstäblich zwischen den Geräten, wirklich nicht entspannt. Dann habe ich nochmal einen anderen Lehrer ausprobiert, jemanden, der schon jahrzehntelang praktiziert hatte. Und da hat sich etwas verändert. Ich bin Teil der Gruppe geworden, bin irgendwann in den Fortgeschrittenenkurs gewechselt - und habe gemerkt: Ich kann Yoga machen. Auch als Rollifahrerin. Das war damals gar nicht selbstverständlich.

Parallel hab ich in einer universitären Meditationsgruppe meditiert, ein Mix aus religiösen und säkularen Elementen. 2015, zurück in Deutschland, habe ich dann meinen ersten MBSR-Kurs gemacht; 2019 die Ausbildung zur MBSR-Trainerin, als es zum ersten Mal eine Ausbildung in Köln gab. Die Anreise war für mich immer ein wichtiger Faktor.

Du lebst mit chronischen Schmerzen - Rücken, Schultern, immer wieder Migräne. Was hat Achtsamkeit daran verändert?

Die Schmerzen sind noch da. Das ist wichtig zu sagen. Aber ich habe gemerkt, dass sich die Gedanken verändert haben, die oft über den Schmerzen drüber hängen: Wann hört das auf? Wie lange bleibt es noch? Wird es schlimmer? Und auch diese Frustration, wenn ich wieder merke, dass es sehr stark ist. Ich kann jetzt meinen Fokus auch auf andere Dinge richten, nicht nur auf die Schmerzen. Ich sehe noch, was trotzdem gut ist und was im Alltag trotzdem noch geht.

Du hast nach der MBSR-Ausbildung noch eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht.

Ja, 2022. Über die Accessible Yoga Foundation aus den USA habe ich von einer Lehrerin gehört, die Online-Ausbildungen anbietet - die sogenannte Anti-200-Hour-Yoga Ausbildung, ein bewusstes Gegenmodell zu dem Bild, man könne in 200 Stunden Lehrerin werden. Die Ausbildung war online, was für mich einen Vorteil hatte. Und sie hat sich tief mit den Ursprüngen von Yoga beschäftigt, mit Kolonisierung, mit der Frage, wer diese Praxen weitergeben darf und in welcher Verantwortung. Ähnlich wie beim MBSR mit seinen buddhistischen Wurzeln. Das finde ich wichtig: zu wissen, woher etwas kommt, bevor man es weitergibt.

Gibt es etwas, das dir aktuell in klassischen Angeboten fehlt?

Ich muss ehrlich sagen: Ich hatte in meinen eigenen Kursen als Teilnehmende und auch in der Ausbildung das Gefühl, dass die Ursprünge von MBSR - Jon Kabat-Zinns Ausgangspunkt für Menschen mit chronischen Schmerzen und Erkrankungen - teilweise nicht mehr so mitgedacht wurden.  Viele Kurse richten sich heute vor allem an fitte, gesunde Menschen, die Stress abbauen wollen. Was auch gut ist - jede Person sollte MBSR machen. Aber dieser Aspekt ist irgendwie ein bisschen weggefallen.

Ich biete deshalb keine klassischen Acht-Wochen-Kurse mit zweieinhalb Stunden mehr an. Stattdessen sechs Wochen mit je einer Stunde oder auch kürzere Workshops von zwei bis vier Stunden. Die Meditationen fangen mit zehn Minuten an und ich baue langsam auf. Und ich gebe immer mehrere Möglichkeiten: keine „eine richtige Haltung", sondern immer auch Alternativen.

Mechthild sitzt im Rollstuhl auf einer Bühne und hält einen Vortrag.

Bildrechte: Anna Spindelndreier / ERDS

Was machst du konkret, damit sich alle willkommen fühlen?

Ich frage im Vorgespräch nach körperlichen Einschränkungen. Und da erlebe ich auch, wie viele Menschen das Wort „ungelenkig" benutzen, fast als Entschuldigung. Das ist schon ein Zeichen, wie verinnerlicht das Bild ist, wie ein Körper für Yoga oder Meditation zu sein hat.

Übungen leite ich immer auf dem Stuhl an oder zeige Alternativen, ohne eine davon als weniger gut zu markieren. Ich betone die Freiwilligkeit: „wenn es für dich möglich ist”. Ich erlaube offene Augen, weil mit geschlossenen Augen meditieren zu müssen, ein weit verbreitetes, aber unnötiges Bild ist.

Bei Menschen mit Neurodivergenz oder einem Trauma-Hintergrund kann es außerdem helfen, einen externen Anker zu haben, etwas in der Hand. Ich halte manchmal selbst Wolle in den Händen, weil ich das auch brauche. Als Möglichkeit gebe ich es mit: Wenn der eigene Körper als Anker gerade nicht möglich ist, kann auch ein Gegenstand helfen.

Man muss nicht im Schneidersitz sitzen, um zu meditieren. Man kann auch auf dem Sofa sitzen, mit Kissen im Rücken und einer Decke - das ist auch Meditation.

In deiner Arbeit beschäftigst du dich auch mit Ableismus (sprich: Äi-bel-ismus). Was bedeutet das?

Das Wort kommt vom englischen able - also fähig. Ähnlich wie Rassismus oder Sexismus, aber in Bezug auf körperliche oder geistige Fähigkeiten: Wir bewerten, was jemand kann und nicht kann, was als Norm gilt - und alles, was außerhalb dieser Norm fällt, gilt als weniger wert. Meine Lieblingsdefinition kommt von Diversity Arts Culture Berlin: „Es gibt eine normative Vorstellung davon, was Menschen leisten oder können müssen. Wer von dieser Norm abweicht, wird als behindert gekennzeichnet und als minderwertig wahrgenommen.”

Ich kannte den Begriff selbst lange nicht. Erst Anfang 30, über Social Media, habe ich viele Erfahrungen aus meiner Jugend rückwirkend verstanden: Das war also Diskriminierung. Wenn man kein Wort für etwas hat, kann man es schwer einordnen.

Hast du ein Beispiel aus deinem Alltag?

Es gibt manchmal kleine Momente. Zum Beispiel ältere Menschen, die zu mir sagen: „Ihnen alles Gute." Ich antworte dann: „Danke, Ihnen auch."

Das ist von diesen Menschen vielleicht nicht böse gemeint. Aber wenn man auf das Rad der Privilegien schaut, geht es mir sehr gut. Ich habe ein sehr gutes Leben. Nur weil ich im Rolli sitze, heißt das nicht, dass mein Leben nicht gut ist.

Für viele Leute ist das Bild sofort: Sie hat eine Behinderung und sie sitzt im Rollstuhl - oh Gott, die Arme. Das sind Vorannahmen und das ist Ableismus. Die kennen mich ja gar nicht und wissen nicht, wie viele coole Sachen ich in meinem Leben habe. Dass es mir vielleicht sogar besser geht als ihnen - das denke ich mir dann manchmal nur.

Gibt es auch einen inneren Ableismus?

Ja. Es gibt auch den internalisierten Ableismus. Ich habe zum Beispiel lange gedacht, ich kann keine Yoga-Lehrerin sein, weil ich nicht alle Übungen selbst ausführen kann. Das war mein eigenes verinnerlichtes Bild davon, was eine Lehrerin zu sein hat.

Bildbeschreibung: Mechthild sitzt im Rollstuhl auf einer Bühne und spricht, dabei gestikuliert sie mit den Händen. Im Vordergrund sieht man eine weitere Person von hinten und unscharf.

Bildrechte: Anna Spindelndreier / BMAS

Würdest du sagen, dass Achtsamkeit im Umgang mit Ableismus hilfreich ist?

Ableismus kommt durch falsche Strukturen. Es gibt noch immer viele Barrieren im Alltag, vieles wird Menschen mit Behinderung nicht zugetraut. Das sind Strukturen, die verändert werden müssen. Sich auf das Meditationskissen zu setzen, bringt dabei nichts.

Aber Meditation und Yoga können einem die Kraft geben, sich auch wieder aktivistisch einzusetzen. Wir denken beim Meditieren oft, wir sind nur auf uns fokussiert. Aber es geht auch darum, wieder die Kraft zu haben, nach außen mitzuwirken, die Gesellschaft mitzugestalten. Achtsamkeit ist nicht von allem abgenabelt.

2020 hattest du ein Burnout - obwohl du da schon jahrelang mit Achtsamkeit gearbeitet hast.

Ich habe immer viel gemacht: Beruf, nebenberufliche Selbstständigkeit, die MBSR-Ausbildung, Hobbys, Freunde. Und es hat alles irgendwie geklappt, ich war immer ein bisschen in diesem Hamsterrad drin. Der eigentliche Auslöser war dann der erste Corona-Lockdown: Als wir plötzlich gar nichts mehr machen konnten, habe ich gemerkt, dass es mir zu viel geworden war.

Ich habe dann die Stellen gekündigt, die ich zu dem Zeitpunkt hatte, mir Zeit gelassen und das aufgebaut, was mir wirklich wichtig ist. Die Achtsamkeit hat mir in dieser Zeit geholfen - ich hatte ja die Tools. Aber trotzdem: Das heißt nicht, dass es einem nicht zu viel werden kann.

Heute achte ich sehr bewusst darauf. Ich weiß zum Beispiel, dass ich nach dem Ausgehen abends noch etwa eine Stunde brauche, um runterzukommen - das plane ich mit ein. Ich versuche, unter der Woche sieben, acht Stunden zu schlafen. Wenn jemand fragt, ob wir uns montags sehen können, und ich habe dienstags und donnerstags schon Abendtermine, sage ich Nein - weil ich einen freien Abend dazwischen brauche. Das fällt mir auch nicht immer leicht, ich bin schon auch ein People Pleaser

Du tanzt. Wie bist du dazu gekommen?

Das war im Rahmen des Sommerblut-Festivals in Köln, einem inklusiven Kulturfestival. Dort gab es 2016 ein Projekt mit Tänzerinnen mit und ohne Behinderung - Menschen aus dem Leben, die alle Lust aufs Tanzen hatten und ihre unterschiedlichen Geschichten in einem Stück geteilt haben. Es hat einfach Spaß gemacht, mich zu bewegen und körperlich aktiv zu sein - im Alltag sitze ich natürlich sehr viel am Schreibtisch. Und auch wieder mit der Gruppe, mit anderen Menschen in Kontakt zu sein.

Wir haben uns so gut verstanden, dass wir einen eigenen Verein und eine Tanzkompanie gegründet haben. Bis 2019 haben wir noch zwei weitere Stücke aufgeführt, haben Fördergelder beantragt, hatten Aufführungen auch außerhalb von Köln. Mittlerweile gibt es wieder eine feste Gruppe, die sich regelmäßig zum Tanztraining trifft.

Beim Mixed-Able-Tanzen gibt es zum Beispiel eine Anweisung wie  „beweg dich wie im Wasser” - und jede Person führt das mit den eigenen Möglichkeiten aus. Ich tanze manchmal im Rollstuhl, manchmal außerhalb. Man kann den Rollstuhl als dritten Akteur mitspielen lassen - wenn zwei Tänzerinnen und ein Rollstuhl auf der Bühne sind, ist das auch eine Interaktion. Es war aufregend, das auf der Bühne zu zeigen und auch etwas Besonderes: das, was man über Wochen und Monate erarbeitet hat, anderen Menschen zu zeigen.

Was wünschst du dir, dass jemand nach diesem Gespräch anders wahrnimmt?

Für alle, die selbst unterrichten, ob Yoga oder Meditation: Nochmal in die eigenen Anleitungen und Strukturen schauen. Gibt es zum Beispiel strenge Formulierungen, die implizieren, wie ein Körper zu sein hat oder was er können muss? Manchmal reicht eine kleine Änderung in der Formulierung, um mehr Menschen mitzunehmen.

Und für alle, die praktizieren: Die Praxis nutzen, um für sich selbst gut da zu sein - aber dann auch wieder nach außen schauen. Es gibt Phasen, in denen ich mich mehr auf mich konzentrieren muss, und dann wieder Phasen, in denen ich mehr in der Gemeinschaft sein kann. Beides hat seinen Platz.


Vielen Dank für das Gespräch, Mechthild!


👤 Mechthild Kreuser bietet regelmäßig inklusive Achtsamkeitstrainings für Privatpersonen und Organisationen sowie Community Abende über Inklusive Achtsamkeit an.

📖 Zum Weiterlernen: Mechthild teilt regelmäßig auf Instragram Hintergrundwissen zu Achtsamkeit und Inklusion. Du findest sie unter @inklusiveachtsamkeit.

🎧 Zum Weiterhören: In inzwischen über 80 Folgen beleuchtet Mechthild alleine und mit zahlreichen Gäst:innen Themen rund um Yoga, Achtsamkeit und Inklusion in ihrem Podcast Inklusive Achtsamkeit.

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