In Ruhe überwintern

Ich stehe am Bahnhof und warte auf den Zug, der mich nach Mannheim bringen soll. Es ist klirrend kalt und meine Handschuhe haben keine Touchscreen-Funktion. Das Handy bleibt also in der Tasche und ich betrachte stattdessen die Umgebung. Mein Atem bildet weiße Wölkchen in der Luft.

Plötzlich halte ich inne. Mein Blick bleibt an einem Baum hängen. Ich kneife die Augen zusammen, um ihn besser zu sehen - bin kurz davor, mein Handy doch noch herauszunehmen, um mit der Kamera heranzoomen zu können.

Der Baum blüht.

Es ist Dezember. Wir hatten eine warme Woche und jetzt blüht dieser Baum. Tausende Knospen öffnen sich; bedecken den Baum wie rosa Konfetti, in perfekter Harmonie mit dem strahlend blauen Himmel.

Mein erster Gedanke ist: Wie schön. Wie unverschämt schön. Wie schön sind diese Farben. Etwas ganz Ursprüngliches kommt da in mir auf, die Freude an Farbe, an Leben, an etwas, das sich öffnet. Wie ein Reflex.

Aber dann kommt Irritation. Ich löse meinen Blick und schaue mich um. Alle Bäume rundherum sind Gerippe, vertrocknete Blätter an grauen Ästen, die wie dürre Finger in den Himmel ragen. Die Hänge, der Wald: dunkel. Und dieser eine Baum blüht.

Obwohl es Winter ist.

Der Baum muss sich geirrt haben. Es ist ein Fehler. Ich seufze. Es ist nur ein Fehler. Der Frühling hat noch lange nicht begonnen. Es ist doch Winter.

Ich habe noch Zeit, bevor der Frühling kommt, bevor auch ich wieder blühen muss.

Der Baum hat mich nicht losgelassen.

In dem Moment am Bahnhof war da ein starkes körperliches Gefühl. Fast schon ein Aufatmen, eine Erleichterung darüber, dass der Frühling noch nicht da ist und der Winter noch vor mir liegt.

Und damit kam die Erkenntnis, dass ich selbst noch nicht bereit bin für die bunten Farben, die warmen Sonnenstrahlen und die Leichtigkeit des Frühlings.

Mir wurde klar, dass ich mich diesmal ganz bewusst für den Winter entschieden habe.

Das ist bemerkenswert, weil der Winter für mich lange schwieriges Terrain war.

Der Winter war für mich immer eine Zumutung.

Dunkelheit.

Kälte.

Schwere.

Alles ist so umständlich!

Die Wäsche trocknet ewig nicht!

Es dauert so lange, bis man aus dem Haus kommt!

(Die Schichten über Schichten über Schichten an Pullis, Jacken, Mützen, Schals, Handschuhen - so unbequem und dann friert man trotzdem.)

Manchmal verschwindet die Sonne tagelang und lässt die Welt zurück unter einer tristen Nebelsuppe.

Und mit der Dunkelheit kommt das, was im Sommer keinen Raum hat.

Der Winter holt Themen hoch, die sich besser verstecken lassen, wenn es hell ist. Bei mir und bei den Menschen, mit denen ich mich umgebe, mit denen ich arbeite.

Vielleicht habe ich ihn deshalb so lange bekämpft, den Winter. Vielleicht habe ich ihn deshalb so oft vorgespult. Ich habe Winter überbrückt, verkürzt, mir wärmere oder spannendere Orte gesucht.

Aber diesen Winter ist es anders.

Schon mit den fallenden Herbstblättern war da eine Ahnung, dass ein Winter folgen würde, dem ich nicht ausweichen möchte. Oder kann.

In dieser Zeit habe ich Überwintern von Katherine May gelesen. Mein Smartphone bleibt draußen aus dem Schlafzimmer und stattdessen lese ich vor dem Schlafengehen, jeden Tag. Auf Überwintern habe ich mich abends immer besonders gefreut, dieses Glücksgefühl, wenn ein Buch perfekt zur Jahreszeit passt.

Katherine May schreibt von Winter nicht nur als Jahreszeit, sondern als Zustand. Von Zeiten, in denen wir aus dem Leben herausfallen. Uns abgeschnitten fühlen, blockiert, schwebend zwischen Welten. Zeiten, die unfreiwillig sind, einsam, schmerzhaft. Und doch schreibt sie:

Pflanzen und Tiere kämpfen nicht gegen den Winter an. Sie tun nicht so, als würde der Winter gar nicht einziehen, sie versuchen nicht, genauso weiterzuleben wie im Sommer. Sie bereiten sich vor. Sie passen sich an. Sie durchlaufen unglaubliche Metamorphosen, um den Winter zu überstehen. Winter ist die Zeit des Rückzugs von der Welt, der maximalen Ausnutzung knapper Ressourcen, brutaler Effizienz und Unsichtbarwerdung – aber genau da findet Verwandlung statt. Winter ist nicht Tod, ist nicht das Ende eines Lebens, sondern eine Bewährungsprobe.
— Katherine May

Ich habe mich gefragt: Wenn ich weiß, dass der Winter kommt - was brauche ich dann? Was macht diese Zeit für mich so unerträglich?

Und dann: Radikale Selbstfürsorge.

Ein großes Thema ist die Kälte. Ich bin genau das Gegenteil von diesen mir unerklärlichen Menschen mit eingebautem Heizofen. Ich friere leicht und ständig. Also habe ich mich eingedeckt, mit alltagstauglicher Funktionskleidung von oben bis unten. Nicht, dass ich das vorher nicht schon getan hätte, aber offensichtlich hatte es nicht gereicht. Jetzt friere ich kaum noch.

Ein anderes Thema sind Infekte. Winter ist Krankheitszeit. Ich habe mir eingestanden, dass krank zu sein für mich körperlich und organisatorisch unglaublich anstrengend ist. Also habe ich mich gekümmert. Meinen Fokus radikal auf Prävention gelegt. Viel Ruhe, mehr als ausreichend Schlafen, genug Trinken. Und das jeden einzelnen Tag. Es ist so langweilig, aber es macht einen riesigen Unterschied.

Dazu kamen kleine Rituale. Morgens lüften. Abends lüften. In den Himmel schauen, auch wenn er verhangen ist. Vögel beobachten. Rausgehen, wenn es kalt oder nass ist. Die Sonne genießen, wann immer sie da ist. (Diesen Winter erstaunlich oft - oder ist das nur mein Eindruck?)

Im Winter gibt es weniger große Freuden. Keine lauen Abende. Kein Badesee. Keine frischen Beeren oder saftigen Pfirsiche im Überfluss. Aber nach ein paar Wochen des Entzugs, wenn man sich neu kalibriert hat, verschiebt sich etwas. Dann werden andere Dinge zu kleinen Freuden. Ein Mann, der den Waldweg rückwärts entlang läuft. Ein Fundstück auf einem Stein. Gefrorene Blätter, die unter den Füßen knirschen. Die eiskalte Luft auf den Wangen.

Der Zustand dieses Winters war trotzdem keine Entspannung. Es war Trägheit. Ein Einköcheln, wenn die Suppe immer dicker wird. Eine Zähigkeit der Zeit.

Der vereiste Benediktushof kurz vor Silvester

Und in dieser Langsamkeit melden sich die inneren Stimmen.

Jetzt hätten wir doch Zeit.

Wir könnten doch planen.

Ziele setzen.

Etwas vorbereiten.

Pläne laden zur Vorfreude ein. Aber ich wollte keine Entscheidungen treffen. Wollte nichts festzurren. Wollte meinen Ideen nicht nachgeben, obwohl ich viele davon habe.

Stattdessen begegne ich diesen Stimmen freundlich. Ich bedanke mich. Freue mich an ihrer Kreativität und ihrem Eifer.

Und muss ihren Impulsen trotzdem nicht folgen.

Katherine May schreibt, dass man besser wird im Überwintern. Nicht, weil es jedes Mal leichter wird, sondern weil man weiß, dass es sich immer wieder verändern wird.

Das Leben ist nicht linear. Es ist zyklisch. Es gibt Zeiten, in denen alles leicht ist, und Zeiten, in denen alles schwer ist. Wir können nur mit dem umgehen, was jetzt da ist.

Für mich war dieser blühende Baum am Bahnhof kein Vorbote des Frühlings. Er war eine Erinnerung daran, dass nicht alles, was blühen könnte, auch dran ist.

Und dass es Mut braucht, die Winter in unserem Leben nicht zu überspringen.

Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich mir die Knospen im Garten anschaue. Mir ausmale, wie sie größer und praller werden. Wie sie endlich aufbrechen. Den Duft der Magnolien preisgeben, das leuchtende Gelb der Forsythien.

Wie ich innerlich schon ein paar Schritte voraus bin.

Dann bremse ich mich.

Denke an den Baum.

Und erlaube mir, ein staubtrockener Schwamm voller Sehnsucht zu sein. Einer, der noch nichts aufsaugen muss.

Der aber sowas von bereit sein wird, sich im Frühjahr wieder voll zu saugen - mit neuen Eindrücken, mit Knospen und Blüten, mit Beschwingtheit und Freude.

Aber jetzt ist noch Winter.

Wenn du magst, nimm dir einen Moment, um innezuhalten. Dem Text nachzuspüren.

Vielleicht magst du die Augen schließen oder Stift und Papier zur Hand nehmen, um die folgenden Fragen zu reflektieren:

Wo in meinem Leben ist gerade Winter? Und woran merke ich das, ganz konkret, im Alltag oder im Körper?

Was würde es bedeuten, diese Phase nicht zu beschleunigen?

Kann ich mir bewusst machen, dass auch dieser Zustand nur temporär ist?

Was erschöpft mich gerade mehr, als ich es mir eingestehen möchte? Welche Erwartungen an mich selbst machen diesen Winter schwerer als er ohnehin schon ist?


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