Der Unterschied zwischen "ich muss" und "ich bin"

Diesen Winter habe ich darüber geschrieben, wie wichtig es für mich war, die dunkle Jahreszeit bewusst zu durchleben, statt sie zu überspringen. In der Winterstarre zu verharren, die Trägheit auszuhalten, statt dem inneren Drang nach Neuanfängen zu folgen.

Und jetzt ist der Frühling da, und noch nie habe ich ihn so intensiv erlebt wie dieses Jahr; nach diesem zähen Winter.

Die Bäume ergrünen entlang der Hänge wie eine La-Ola-Welle.

Sonnengewärmte Füße.

Der Geruch von warmem Gras.

Die riesige schwarze Hummel, die über dem blühenden Heidekraut brummt.

Und die Magnolien. Ach, die Magnolien.

Jetzt will auch ich aufblühen.

Gerade sind zwei MBSR-Kurse zu Ende gegangen und in der letzten Sitzung stellen wir uns immer die Frage: Wie kann die eigene Achtsamkeitspraxis von nun an aussehen?

Dazu habe ich inzwischen einiges zu sagen. Keine „drei Tipps, wie du es schaffst, jeden Tag zu meditieren”. Sondern es geht um eine bestimmte Haltung.

Und das Schöne ist: Du kannst diese Haltung nicht nur auf Meditation anwenden, sondern auf alles andere, was du mehr in deinen Alltag einladen möchtest. Bewegung, ausgewogene Mahlzeiten, Zeit für Hobbies - was auch immer.

Der Samen ist schon da!

Wenn es so einen Wunsch nach Wachstum bei dir gibt, dann gibt es schon einen Teil von dir, der motiviert ist.

Der das umsetzen möchte.

Diese Motivation ist wie ein Samen in fruchtbarem Boden, der kurz davor ist, zu sprießen. Was der Samen jetzt braucht, sind förderliche Bedingungen - genügend Licht, Wasser und Nährstoffe. Alles andere steckt schon in ihm.

(Im Fall der Menschen, die gerade einen MBSR-Kurs abgeschlossen haben, hat der Samen vielleicht schon gekeimt und es zeigen sich erste Blättchen oder Blüten. Dann gilt es, daraus eine widerstandsfähige Pflanze zu ziehen.)

Und der erste Schritt ist, zu erforschen: Was ist das überhaupt für ein Samen?

Oft hat er etwas mit unseren Bedürfnissen und Werten zu tun. Oder mit einem wachsenden Teil der eigenen Identität.

Im Fall der Meditation klingt das manchmal so: „Ich will meditieren (lernen), weil ich mir mehr innere Stabilität im Alltag wünsche, auch wenn es stressig ist.”

Oder: „Ich will Achtsamkeit üben, weil ich all die schönen Dinge in meinem Leben genießen möchte: gutes Essen, Urlaube, freie Tage, schöne Gespräche, Spazieren gehen. Statt in meinen Gedanken zu hängen oder im Autopilot zu stecken.”

Vielleicht erkennst du dich in einem dieser Samen wieder. (Oder dein Samen ist ein ganz anderer.)

Und nachdem du ihn kennengelernt hast, braucht der Samen Pflege, um zu wachsen und zu einem festen Teil der eigenen Identität zu werden.

Von “Ich möchte” zu “Ich bin”

Wenn klar wird, dass der Samen schon in uns steckt, kann diese Veränderungskraft ein Teil der eigenen Identität werden:

Aus “Ich muss oder ich möchte gerne mehr meditieren” wird:

Ich bin ein Mensch, der meditiert.

Und das ist ein großer Unterschied.

Ich meditiere jeden Morgen um 8:00 Uhr für 15 Minuten” ist ein Verhalten und damit fragil. Ein Urlaub, eine Krankheit oder eine Veränderung im Alltag - und zack, die Routine ist wieder weg.

Ich bin ein Mensch, der meditiert” ist Teil der eigenen Identität. Die bleibt bestehen, auch wenn die Umstände sich ändern.

Ich habe das selbst erst kürzlich ausprobiert, mit Bewegung. Ein Wunsch von mir war es, mich über den Tag hinweg, im Alltag, mehr in der Natur zu bewegen, auch bei schlechtem Wetter. Ich habe mir keinen festen Plan gemacht. Ich habe einfach beschlossen:

Ich bin ein Mensch, der sich gerne draußen bewegt.

Weil mein Körper das mag. Weil ich mich draußen verbunden fühle mit den Jahreszeiten und einem größeren Ganzen.

Der Samen war schon da. Ich habe ihn nur zu einem größeren Teil meiner Identität gemacht. Den Gedanken angepasst von “ich muss” zu “ich bin”.

Und seitdem gehe ich NICHT täglich im Wald spazieren. 😄 Aber deutlich öfter als vorher. Wenn ich 20 Minuten Pause zwischen zwei Zoom-Meetings habe, gehe ich ohne Überwindung eine Mini-Runde in den Wald, auch bei Regen. Nicht weil ich müsste, sondern weil ich ein Mensch bin, der sich gerne draußen bewegt.

Ebenso halte ich es mit dem Schreiben. Ich bin ein Mensch, der gerne schreibt - egal, ob ich das jeden Tag oder einmal im Monat mache.

Und ich bin ein Mensch, der gerne liest. Das gilt für Jahre meines Lebens, in denen ich ein Buch pro Woche lesen kann und auch für Jahre, in denen ich kaum zum Lesen komme.

Ich bin ein Mensch, der…” geht nicht so schnell verloren wie Ich lese 50 Bücher im Jahr” oder Ich schaffe im April jeden Tag 10.000 Schritte”.

Wenn du dich selbst kennst (und deine Eigenheiten und Lebensumstände respektierst), findest du auch nach Rückschlägen Wege zurück in die Praxis. Und natürlich können Routinen und Ziele helfen. Aber nur, wenn die Haltung stimmt.

Tropfen in einer Schale

Ein Bild, das für mich sehr stimmig ist, habe ich (so ähnlich) von meiner MBCL-Ausbilderin Jana Willms gehört:

Die Praxis darf sein wie Tropfen, die in eine Steinschale fallen.

pling

pling

pling

Jeder Moment der Praxis füllt die Schale.

Und jeder Tropfen vergrößert die Schale, höhlt den Stein, hinterlässt eine Spur, macht die achtsame Haltung mehr zum Teil von dir.

Die Regelmäßigkeit einer Achtsamkeitspraxis ist wichtig, keine Frage. Das sagt auch die Forschung. Aber langfristig zählt noch mehr, dass du dran bleibst - über viele Jahre oder Jahrzehnte.

Wenn du zehnmal im Jahr bewusst Achtsamkeitsmeditation praktizierst, dann sind das über zehn Jahre schon einhundert Male. Das ist doch eine ganze Menge!

Was ich meinen Teilnehmenden am Ende der MBSR-Kurse daher mitgebe ist:

Die beste Meditationspraxis ist die, die du auch machst.


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